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20 Jahre Plattform

Gruppenfoto, siehe Bildunterschrift.
Voll des Lobes über die "Plattform" (v.l.n.r.): Gerhard Emig, Heinz Waegner, Doris Schuppe, Orhan Polat, Heidi Farrenkopf, Helene Wöllstein-Moser, Bürgermeister Ludwig Sauer, Erster Beigeordneter Otto Steinmann und Bürgermeisterin Christiane Staab (Foto: Pfeifer)

Kooperation mit wegweisendem Konzept. „Platte machen“ ist in der Umgangssprache die Bezeichnung für den Ort, an dem Obdachlose sich treffen und schlafen. Dieser Ausdruck stand Pate für die Walldorfer „Plattform“, die es seit zwanzig Jahren gibt.

Übernachten kann man in der „Plattform“ zwar nicht, doch als Begegnungsstätte für Menschen, die keine Wohnung haben oder in einer Notlage sind, hat sie sich etabliert. An das erfolgreiche zwanzigjährige Bestehen dieser kommunalen Einrichtung erinnerte Bürgermeisterin Christiane Staab dieser Tage bei einem Pressegespräch. Es fand nicht mehr in der alten „Plattform“ an der Wieslocher Straße statt, die dem geplanten Neubau weichen musste, sondern im Übergangsdomizil im Schloßweg.
 
„Von Anfang an wurde in der ‚Plattform‘ mit Struktur gearbeitet, es wurde an unterschiedlichen Stellen angesetzt, um Menschen mit multiplen Problemstellungen zu unterstützen. Wir sind froh über dieses Projekt, das zu einer festen Institution geworden ist“, stellte Christiane Staab fest. Ihr Dank galt den Kooperationspartnern, Heidi Farrenkopf, Geschäftsführerin der Wiedereingliederungshilfe der Evangelischen Stadtmission Heidelberg, die in der „Plattform“ Fachberatung anbietet, und Wieslochs Bürgermeister Ludwig Sauer. Die Stadt Wiesloch ergänzt das Angebot von Anfang an mit acht Schlafplätzen im Adelsförsterpfad als Erfrierungsschutz in der kalten Jahreszeit.
 
Waren es in den Anfängen der „Plattform“ noch überwiegend Durchwanderer ohne Obdach, die kamen, haben heute so gut wie alle Besucherinnen und Besucher ein Dach über dem Kopf. Dies berichtete Doris Schuppe, Leiterin des städtischen Fachdienstes Soziale Hilfen. „Unser Klientel ist sesshafter geworden“, weiß sie. Heute sei die „Plattform“ für viele Gäste eine feste Einrichtung, die die Tagesstruktur prägen helfe. Über 4.000 Besuche zähle man in einem Jahr. Mit den Öffnungszeiten von Montag bis Freitag von 11 bis 16.30 Uhr, an Samstagen und Feiertagen von 12 bis 16 Uhr, dem warmen Mittagessen für 1,50 Euro, kostenlosem Tee und Kaffee, dem Angebot, Fernseh schauen und die Tageszeitung lesen zu können, ist die „Plattform“ eine beliebte und wichtige Anlaufstelle. Hier kann man auch seine Wäsche waschen und duschen. Ergänzt wird dieses Angebot durch die Fachberatung, die Helene Wöllstein-Moser und Orhan Polat werktags anbieten. Im Laufe der Jahre hat sich mit der veränderten Klientel auch die Fachberatung geändert.Sie unterstützt bei der Existenzsicherung, hilft bei Behördenangelegenheiten und bei der Wohnungssuche. „Der Wohnungsmarkt ist sehr ausgedünnt“, bedauert Helene Wöllstein-Moser. „Die Plattform ist ein Familienersatz und bietet Sicherheit“, wissen sie und ihr Kollege aus vielen Gesprächen mit den Besucherinnen und Besuchern. 2017 nahmen insgesamt 279 Personen die Fachberatung in Anspruch. 69 Prozent davon waren männlich, 31 Prozent weiblich. Die am stärksten vertretenen Altersklassen zwischen 30 und 39 Jahren sowie 50 und 59 Jahren hielten sich mit je 21 Prozent die Waage. 19 Personen konnte die Fachberatung in Notunterkünfte vermitteln, acht Personen in stationäre Einrichtungen, betreutes Wohnen oder Therapie und 22 in Mietwohnungen. Auch als Streetworker sind Helene Wöllstein-Moser und Orhan Polat in Walldorf unterwegs. „Froh und dankbar“ über die erfolgreiche Kooperation zeigten sich Heidi Farrenkopf und ihr Mitarbeiter Heinz Waegner, Mann der ersten Stunde in Sachen „Plattform“. Das Konzept des niederschwelligen Angebots sei wegweisend, meinten sie. Ohne eine solche Anlaufstelle herrsche bei vielen Betroffenen Perspektivlosigkeit. „Das ist eine lebendige Einrichtung“, so Heinz Waegner. „Das gute Miteinander und die langjährige Kooperation sind durchaus nicht selbstverständlich“, hob Heidi Farrenkopf hervor. „Dafür sind wir sehr dankbar“, meinte sie. Gerhard Emig, der die stellvertretende Leitung der Fachberatung innehat, stufte die Kooperation als „relativ einmalig in der Region“ ein. Sie sei etwas Besonderes. „Wir achten die Menschenwürde und schauen nicht weg“, stellte Ludwig Sauer fest. Er lobte nicht nur die erfolgreiche Kooperation, sondern auch die „große Kultur der Toleranz“ im Doppelzentrum Wiesloch-Walldorf, wo man Verantwortung übernehme für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stünden. Wie bedeutend ehrenamtliches Engagement für die „Plattform“ ist, erläuterte Walldorfs Erster Beigeordneter Otto Steinmann. Er erinnerte an das hauswirtschaftliche Engagement von Mitgliedern der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden Walldorfs während der Ferienzeiten. Auch der Neubau an der Wieslocher Straße, in den die „Plattform“, die Kleiderstube und die Walldorfer Tafel voraussichtlich 2020 einziehen werden, ist großem freiwilligem Engagement, in diesem Fall der Hopp-Stiftung, zu verdanken. „Die drei Einrichtungen befinden sich dann wieder ganz bewusst in zentraler Lage. Nicht draußen, sondern drinnen“, so Steinmann. Wie Helene Wöllstein-Moser berichtete, verfolgen die „Plattform“-Gäste den Fortschritt der Bauarbeiten an der Wieslocher Straße mit großem Interesse. In der Zwischenzeit fühlen sie sich im Interimsdomizil am Schloßweg wohl, zumal es auch hier mittags aus der Küche, in der Michaela Rummer und Beate Rück mit Liebe kochen, verheißungsvoll duftet.

Gesehen werden ...
„Gesehen werden“ lautet der Titel einer Fotoausstellung, die zurzeit in der „Plattform“ zu sehen ist. Sie zeigt Wohnungslose und deren Lebensläufe. Wer die Ausstellung besuchen möchte, kann sich telefonisch an Selina Bührer oder Melanie Doley im Wichernheim der Evangelischen Stadtmission wenden unter der Rufnummer (0 62 21) 14 98 64.