Gedenkveranstaltung zum 27. Januar: Erinnern als Auftrag für die Gegenwart

Gäste lauschten dem Cello-Trio der Musikschule, das die musikalische Gestaltung der Veranstaltung übernahm.
Gedenkveranstaltung in der Evangelischen Stadtkirche. | © Stadt Wiesloch

Mit einer eindrucksvollen Gedenkveranstaltung in der Evangelischen Stadtkirche hat die Stadt Wiesloch am Dienstagabend an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

Anlass war der internationale Gedenktag am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945.
 
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung der Stadt Wiesloch und des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (PZN), um gemeinsam der Millionen Menschen zu gedenken, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen. Das Gedenken stand zugleich unter der Mahnung, Verantwortung für Demokratie, Menschenwürde und ein friedliches Miteinander zu übernehmen.
 
Oberbürgermeister Dirk Elkemann erinnerte in seiner Ansprache daran, dass Auschwitz bis heute als Symbol für den industriell organisierten Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden sowie an Millionen weiterer Menschen, die von den Nationalsozialisten entrechtet, verfolgt und ermordet wurden. „Dieser Ort und dieses Datum sind Mahnung – und Verpflichtung. Gedenken dürfe nicht erstarren“, betonte er, „sondern müsse stets in Beziehung zur Gegenwart gesetzt werden.“ „Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Werte weltweit unter Druck geraten. Autoritäre Systeme gewinnen an Einfluss, Gewalt wird erneut als legitimes politisches Mittel dargestellt, und das Völkerrecht wird zunehmend selektiv ausgelegt. Nicht selten geschieht dies unter dem Vorwand, Bevölkerungen „befreien“ oder „schützen“ zu wollen. Doch zu oft verbirgt sich hinter dieser Rhetorik ein anderes Motiv: Macht.“, so Elkemann.
Angesichts aktueller weltpolitischer Entwicklungen mahnte er, demokratische Werte, Menschenrechte und das Völkerrecht konsequent zu verteidigen. „Es liegt an uns, ob „Nie wieder“ eine leere Formel bleibt – oder ein Maßstab für unser Handeln. Für eine Welt, in der Macht begrenzt, Menschen geschützt und Würde nicht verhandelbar ist.“, so der Oberbürgermeister.

Das Cello-Trio der Musikschule umrahmte die Gedenkstunde musikalisch.
Das Cello-Trio der Musikschule umrahmte die Gedenkstunde musikalisch. | @ Stadt Wiesloch

Zu Gast waren auch Vertretende aus Wieslochs französischer Partnerstadt Fontenay-aux-Roses, und so ergriff der Beigeordnete Dominique Lafon das Wort. In seiner Rede unterstrich er die Bedeutung des Erinnerns angesichts wachsender gesellschaftlicher Spannungen und extremistischer Tendenzen in vielen Teilen der Welt. „Die Grundlagen unserer demokratischen Strukturen werden angegriffen. Die internationale Zusammenarbeit ist bedroht. Verschiedene Formen des Extremismus breiten sich aus. Ausgrenzung wird zu einer Denkweise, und Gewalt tritt an die Stelle des Dialogs“, so Lafon. Anhand literarischer, historischer und künstlerischer Zeugnisse verdeutlichte er, wie wichtig es ist, Erfahrungen der Opfer zu bewahren und weiterzugeben – gerade in einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen leben. „Mögen Worte und Bilder unsere Augen öffnen, unseren freien Willen stärken und dazu beitragen, dass wir unermüdlich gegen jede Form von Totalitarismus kämpfen und Ausgrenzung ablehnen.“, so die Schlussworte Lafons. Und weiter: „Das sind wir den Opfern der Barbarei schuldig, derer wir heute gedenken – im Bewusstsein, dass Barbarei immer das Ergebnis eines Kontextes, eines Prozesses sowie politischer, sozialer und kultureller Mechanismen ist. Wachsamkeit und Engagement sind unerlässlich.“
 
Andreas Emmerich, Pflegedirektor des PZN; sprach unter anderem über das heutige Unternehmensleitbild des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden. Der Umgang mit Gewalt und Zwang in der Psychiatrie sei eine besonders herausfordernde Aufgabe. Und wenn heutzutage Zwang zum Schutz vor Gewalt und zur Durchführung einer Behandlung als letztes Mittel angewendet werden muss, so geschehe dies im engen Rahmen des geltenden Rechts, nach professionellen Standards und unter strenger in- und externer Kontrolle. Aktuell beschäftige man Menschen mit 52 verschiedenen Nationalitäten. Ohne sie, wäre die Versorgung der Patientinnen und Patienten nicht mehr gewährleistet. Er betonte die Wichtigkeit, nicht nur am heutigen Gedenktag, entschieden und beherzt gegen jegliche Form der Diskriminierung einzutreten.
 

Szenische Darstellungen der Schülerinnen und Schüler zu den Werken von Karl Schwesig.
Szenische Darstellungen zu den Werken von Karl Schwesig. | @ Stadt Wiesloch

Den zentralen inhaltlichen Beitrag des Abends gestaltete die Klasse 9c des Ottheinrich-Gymnasiums. Unter dem Motto „Wenn das Bildermachen oder Sich-ein-Bild-Machen zu (Er-)Morden führt“ setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit Einzelschicksalen und der Macht von Bildern auseinander. Die Aufführung verband szenische Elemente mit Projektionen und eröffnete eindrucksvolle Perspektiven auf die Wirkung von Bildern im Kontext von Ausgrenzung und Gewalt. Die Jugendlichen stellten in eindrücklicher Darstellung Einzelschicksale vor, beispielsweise von Maria Heck, die als Kind in die Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen und später im Alter von 4 Jahren ermordet wurde. Oder der Wieslocher Familie Raphael und Frida Traub, deren Kinder sich nach Amerika retten konnten. Der Kunstmaler und Graphiker Mieczyslaw Wisniewsky wurde unter anderem in das KZ Mannheim-Sandhofen deportiert, wo er für Daimler-Benz Zwangsarbeit leisten musste. Dank seines fotografischen Gedächtnisses konnte er viele Einzelheiten detailgetreu auf dem Papier umsetzen und leistete damit einen wichtigen Beitrag „gegen das Vergessen“.
 
Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung vom Cello-Trio der Musikschule Südliche Bergstraße, mit den Musikerinnen Elena Krüger, Tabea Reich und Lilli Segnitz. Mit ihren Stücken gestalteten sie eine ruhige und nachdenkliche Atmosphäre.
 
Pfarrerin Sabine Koenig und Pfarrerin Jana Bräuchle, sprachen über die Verantwortung der heutigen Generation, sich zu Erinnern und eine lebenswerte Zukunft zu gestalten, und rundeten die Veranstaltung in der Evangelischen Kirche mit einem Gebet ab.
 
Die Gedenkfeier machte deutlich, dass Erinnerung nicht allein dem Blick in die Vergangenheit dient, sondern als Auftrag für Gegenwart und Zukunft verstanden werden muss.

Fotocollage "Macht von Bildern" der Klasse 9c des Ottheinrich-Gymnasiums.
Fotocollage "Macht von Bildern" der Klasse 9c des Ottheinrich-Gymnasiums. | @ Stadt Wiesloch