Diesen Monat präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle einen Presseartikel, der sich mit einem Stück Wieslocher und Walldorfer Stadtgeschichte beschäftigt, welches seinerzeit bundesweit und sogar international für große mediale Aufmerksamkeit sorgte und die Augen der Öffentlichkeit auf unsere Region lenkte. Denn im Oktober des Jahres 1971 fand in der damaligen Wieslocher Stadthalle die konstituierende Sitzung eines Gremiums statt, das es in dieser Form zuvor noch nie gegeben hat. Die Rede ist vom sogenannten „Gastarbeiterparlament Wiesloch-Walldorf“. Vertreter fünf verschiedener Nationen kamen darin zusammen, um gemeinsam darüber zu debattieren, wie die Lebens- und politischen Mitsprachebedingungen der ausländischen Arbeitskräfte und ihrer Angehörigen in den beiden Städten verbessert werden könnten.
Denn die Ansiedlung sogenannter Gastarbeiter war für Wiesloch und Walldorf seinerzeit noch ein vergleichsweise neues Phänomen. Doch in Deutschland hatte alles bereits vor 71 Jahren begonnen, also 16 Jahre zuvor. 1955 unterzeichneten Deutschland und Italien nämlich ein Abkommen, das es deutschen Unternehmen ermöglichte, Arbeitskräfte aus Italien legal zu beschäftigen. Und diese Arbeitskräfte wurden dringend benötigt. Denn infolge des sogenannten „Wirtschaftswunders“ 1948 erlebte die junge Bundesrepublik Deutschland eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Viele Unternehmen florierten zu jener Zeit, und es kam zu zahlreichen Firmenneugründungen. Zudem standen nun die finanziellen Mittel für zahlreiche Großprojekte im Bereich des Infrastrukturausbaus bereit. Es war somit ein enormer Bedarf an Arbeitskräften vorhanden, der durch Einheimische bei Weitem nicht gedeckt werden konnte. Zugleich herrschte in Italien in den 1950er-Jahren, insbesondere im Süden des Landes, eine Phase großer Arbeitslosigkeit. Es fiel den arbeitssuchenden Italienerinnen und Italienern damals gewiss nicht leicht, ihre Heimat zu verlassen, dennoch trieb sie die schlichte Notwendigkeit, sich und ihre Familien zu ernähren in die Fremde. In beiden Ländern gab man sich der Illusion hin, dass sich die italienischen Arbeitskräfte nur für einen begrenzten Zeitraum zu beruflichen Zwecken in Deutschland aufhalten und danach wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Sie wurden daher als „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ bezeichnet. Denn das Wort „Gast“ impliziert ja bereits die angenommene begrenzte Verweildauer eines Reisenden am Ziel seiner Wahl. Angedacht war ein „Rotationsprinzip“: Die ausländischen Arbeitskräfte sollten für einen von Anfang an klar begrenzten Zeitraum zum Arbeiten nach Deutschland kommen und nach ihrer Rückkehr durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden.
Alleine 1956 kamen rund 12.000 italienische Arbeitskräfte auf diesem Wege in die Bundesrepublik, in den darauffolgenden Jahren erhöhte sich ihre Zahl noch drastisch. Weitere Anwerbeabkommen mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und dem damaligen Jugoslawien folgten in den 1960er-Jahren, und bereits 1964 konnte in Stuttgart offiziell der einmillionste Gastarbeiter begrüßt werden. Viele derer, die nach Deutschland kamen, kehrten nach ihrer vertraglich definierten Aufenthaltsdauer wieder in ihre Heimatländer zurück, doch sehr viele blieben auch, und ihr Lebensmittelpunkt verschob sich allmählich nach Deutschland, wenngleich sie dies anfänglich gar nicht vorgesehen hatten. Und auch die Familien zogen allmählich nach.
Damit einher gingen neue Herausforderungen für alle Seiten, die man lange nicht bedacht beziehungsweise bewusst ignoriert hatte. Aus Menschen, die ausschließlich aus wirtschaftlichem Kalkül ins Land gelockt worden waren, wurden in einem langjährigen, schleichenden Prozess Mitbürgerinnen und Mitbürger, die nicht nur ihre Arbeitskraft sondern auch ein Stück ihrer Kultur mit ins Land brachten und am alltäglichen Leben in den Städten und Gemeinden partizipierten. Die Bundesrepublik Deutschland wurde dadurch allmählich zu einem Einwanderungsland, wenngleich sie sich sehr lange nicht als solches bezeichnen wollte. Erst mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 änderte sich dies.
Wiesloch und Walldorf stellten bei all diesen Entwicklungen keine Ausnahmen dar. Hier waren es vor allem große Firmen wie die Heidelberger Druckmaschinen AG, die Bedarf an ausländischen Arbeitskräften anmeldeten. Doch mit zunehmender Verweildauer und wachsender Zahl dieser Arbeitskräfte, wuchs deren Unmut über ihre Lebensbedingungen außerhalb der Arbeitsstätte. Viele von ihnen waren in sehr heruntergekommenen Baracken untergebracht und hatten nur wenige Möglichkeiten, am städtischen Leben teilzuhaben. Die Tatsache, dass sie häufig kaum Deutsch konnten, tat ihr Übriges, um zu verhindern, dass sie in dem Land, das ihnen doch zur neuen Heimat geworden war, wirklich Fuß fassen konnten.
Danach, diese Missstände wenigstens zu mindern, trachteten die Initiatoren des Wiesloch-Walldorfer „Gastarbeiterparlaments“. Sie erkannten die Tatsache, dass dieser in den vorherigen Jahren stark gewachsene Teil der arbeitenden Wieslocher und Walldorfer Bevölkerung eines Sprachrohrs bedurfte, mit dem er seinen Wünschen und Bedürfnissen gegenüber der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat Gehör verschaffen konnte. 1971 bildete sich daher eine Kommission, die sich aus engagierten ausländischen Arbeitnehmern unterschiedlicher Nationen, Lokalpolitikern der SPD, Gewerkschaftsvertretern und Jungsozialisten zusammensetzte und das Ziel verfolgte, ein demokratisch gewähltes Gremium zu gründen, welches als Interessenvertretung der ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Wiesloch und Walldorf fungieren und in regelmäßigem Austausch mit dem Gemeinderat stehen sollte.
Nach monatelanger Vorbereitung war es am 10. Oktober 1971 schließlich soweit: Alle als wahlberechtigt ermittelten ausländischen Arbeitskräfte waren in Wiesloch und Walldorf dazu aufgerufen, die Personen zu wählen, von denen sie ihre Interessen im sogenannten Gastarbeiterparlament vertreten sehen wollten. Rund 1.200 Wahlberechtigte gaben an diesem Tag ihre Stimmen ab. 51 Kandidaten standen zur Wahl, 35 von ihnen schafften den Einzug ins Parlament, das nun zu gleichen Teilen mit Griechen, Jugoslawen, Türken, Spaniern und Italienern besetzt war. Und bereits eine Woche später erfolgte die konstituierende Sitzung in der damaligen Wieslocher Stadthalle.
Wie eingangs erwähnt, waren die Wahl und die Gründung des Wieslocher Gastarbeiterparlaments 1971 von einem großen Medienecho begleitet. Nicht nur die Lokalpresse, auch das ZDF sowie diverse ausländische Zeitungen berichteten ausführlich. Entsprechend groß war die anfängliche Euphorie bei allen Beteiligten, als das Parlament endlich perfekt war. Und in den ersten Monaten seiner Existenz hatte es durchaus Erfolge zu vermelden. So kam es in der Folge zur Ausrichtung zahlreicher Ausländersprechstunden bei der Stadtverwaltung. Außerdem wurde ein vom Parlament vorgeschlagener Elternvertreter in den Schulbeirat entsandt und ein Kontaktausschuss als Verbindungsgremium mit dem Gemeinderat errichtet.
Doch bereits nach wenigen Sitzungen erfolgte der schleichende Niedergang des zwischenzeitlich in „Parlament ausländischer Arbeitnehmer“ umbenannten Gremiums, sodass sich der damalige Wieslocher Bürgermeister Helmut Mohr 1973 veranlasst sah, in einer ausführlichen schriftlichen Stellungnahme eine höchst ernüchterte Bilanz zu ziehen.
Was waren die Gründe hierfür? Hierauf eine eindeutige Antwort zu geben, fällt auch in der Rückschau nicht leicht. Denn das Wiesloch-Walldorfer „Gastarbeiterparlament“ polarisierte Zeit seiner Existenz und hatte Befürworter und Gegner. Demgemäß gab es auch recht unterschiedliche Ansichten darüber, warum es nicht gelang, dieses Gremium langfristig für Wiesloch und Walldorf zu etablieren.
Othon Lyrakis, der damalige Vorsitzende des Parlaments, führte dazu Folgendes aus: Wir sehen die Gründe für unsere bisherigen Misserfolge in unserer eigenen Unerfahrenheit und in unserer Unkenntnis auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit und auch im Fehlen oft versprochener Unterstützung von Seiten der deutschen Organisationen – Parteien, Behörden, Industrie, Kirchen und Bürgern.
Seitens der Stadtverwaltung kam Bürgermeister Mohr in seiner Stellungnahme zu teilweise ähnlichen Schlüssen. Doch er sah noch weitere Gründe: Haupthindernis dürfte nach wie vor die schwierige sprachliche Verständigung sein. Dies gilt vor allen Dingen für das Parlament selbst, das sich bei Gründung als „Parlament der fünf Nationen“ bezeichnete. […]. Erhebliche Unterschiede in den Lebensgewohnheiten bereiten zusätzliche Schwierigkeiten. Diese können auch in wenigen Jahren des Aufenthalts in Deutschland nicht abgebaut werden.
Zusammenfassend lässt sich wohl konstatieren, dass eine Gemengelage vielfältiger Gründe die längerfristige Verankerung des „Gastarbeiterparlaments“ im Gefüge der Wieslocher und Walldorfer Kommunalpolitik verhinderte. Oder mit anderen Worten: Die Zeit war noch nicht reif dafür. Dennoch kam damals etwas ins Rollen, das nicht mehr aufzuhalten war und zu allmählichen Verbesserungen in den Lebens- und Mitsprachebedingungen ausländischer Arbeitskräfte in ganz Deutschland führte. So ließen sich zahlreiche deutsche Kommunen vom Wiesloch-Walldorfer Modell inspirieren. 1972 wurde beispielsweise der Wiesbadener Ausländerbeirat gegründet, eine bis heute existente Interessenvertretung für die ausländischen Einwohner der hessischen Landeshauptstadt. Und auch in Troisdorf bei Bonn wurde in jenem Jahr ein „Ausländerparlament“ gewählt.
55 Jahre ist es nun her, dass das Wiesloch-Walldorfer „Gastarbeiterparlament“ gegründet wurde. Dieses „Schnapszahljubiläum“ zum Anlass nehmend, hat ein vielfältig zusammengesetztes Kuratorium eine Ausstellung vorbereitet, die an dieses Ereignis erinnern und darüber hinaus die Lebenswege von Menschen, die einst „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ genannt wurden, würdigen möchte. Zu sehen sein wird diese Ausstellung vom 8. bis zum 25. Oktober im Foyer des Wieslocher Rathauses. Ein begleitendes Rahmenprogramm, bestehend aus mehreren Einzelveranstaltungen, setzt sich mit den Chancen und Herausforderungen jener Zeit auseinander und spannt den Bogen zum Thema „Arbeitsmigration heute und in Zukunft“. Mehr dazu erfahren Sie hier: Seite Ausstellung Gastarbeiter.